Gender and no Diversity

Ich beschäftige mich seit längerem mit Gender und Diversity. Speziell an der RWTH Aachen University mit seinen Studierenden. Der größte Teil meines Interesses liegt in meinem Freizeitbereich, obwohl wir in unserer Forschungsgruppe den Schwerpunkt Gender und Diversity haben. Leider wird im Schwerpunkt nur der Aspekt „Gender“ betrachtet und „Diversity“ vernachlässigt. Das ist ein Thema für sich und wird später ein Mal in einem Beitrag behandelt werden.

An de RWTH Aachen University gibt es immer mehr eine Wandlung zu mehr Vielfalt. Es gibt das Integration Team, ein Lehrstuhl für Gender-Studies, verschiedene Förderprogramme für Frauen und ein kleinen Forschungsschwerpunkt im Excelence Cluster (wovon ich auch ein Teil bin). Neben den Förderprogrammen der der Universität gibt es noch Zahlreiche von der Wirtschaft geförderte Programme.

Bei all den Bemühungen und Forschungsprojekten ist mir etwas Negatives aufgefallen. Ich will nur den Augenmerk auf diesen Punkt lenken und hören wie es andere so sehen.

Meine These: Mit den meisten Programmen werden nur die Töchter, Schwestern und Cousinen von den Männern effektiv gefördert, die momentan an wichtigen Positionen sind. Nur für eine Bestimmte Gruppe (Schicht) öffnen sich somit die Türen, und damit ist Diversity kaum in der Gender-Förderung und Forschung gegeben.

Wie komme ich dazu so etwas zu behaupten? In den letzten Jahren habe ich mit einigen Frauen Gespräche zu dem Thema geführt. Vor allem mit Freundinnen denen ich vorgeschlagen habe an Förder-Programmen teilzunehmen. Viele ihrer Reaktionen haben mich sehr überrascht. Diese Freundinnen waren/sind Studentinnen und Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in MINT-Fächer an der RWTH Aachen. Meine Stichprobe ist nicht viel besser oder schlechter als viele andere viel zitierte und vorgezeigte Studien. Leider musste ich bei vielen Studien fest stellen, dass 20 Studentinnen oder 15 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen befragt wurden und die Ergebnisse wurden sehr verallgemeinernd dargestellt. Dieses will ich hier nicht tun sondern ein paar Beispiele erst einmal aus meinen Gesprächen nennen.

Beispiele:

Freundin 1 erzählte mir auf meine Nachfrage wieso an einem bestimmten Programm teilnimmt: „Och, ich passe da nicht so rein. Die Mädels da sind anders, mein Vater arbeitet beim Autohersteller xyz am Fließband. Die anderen Väter waren alle irgendwo im Management. Ich habe mich nicht so wohl gefühlt, denke nicht, dass das Programm etwas für mich ist oder ich die richtige dafür bin.“

Freundin 2 zu einem anderen Programm: “ Ich habe eine Ausbildung gemacht vorher und naja ich bin nicht so gut im Studium wie die anderen Mädels dort. Die haben alle ganz andere Sorgen als ich“ und wieder die Aussage ich passe da nicht so gut rein.

Freundin 3 meinte, dass sie ihren Freund heiraten will und auch Kinder haben will. Mit der Einstellung kommt sie bei den anderen Mädels nicht so gut an, dass sie unbedingt Familie will, aber halbtags arbeiten oder später noch einmal nach dem Studium einsteigen möchte. So hat sie aufgehört zu den Treffen von ihrer Fördergruppe zu gehen.

Von diesen Gesprächen gab es noch einige. Das wichtige ist, dass grade die Dinge die von diesen Mädels bemängelt werden, den Zielen der Förderprogramme entsprechen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, allen dieselben Chancen geben usw. Leider ist es nicht so.

Ich nehme an das liegt an der Struktur der Programme an der RWTH Aachen. Gerade die RWTH ist nicht die vielfältigste Uni und die „Macher“ der Programme sind nicht an Vielfalt interessiert. Nehmen wir z.B. Prof. Schuh (Top Professor für Werkzeug Maschinen und Mitglied des Rektorats), der mit einer Ingenieurin verheiratet ist und eine Tochter hat; dieser hat ein Interesse daran, dass einiges besser wird für seine Tochter. Die anderen Fördernden aus der Wirtschaft die ich kennen gelernt habe, hatten oftmals dasselbe Motiv: die Zukunft ihrer Töchter. So erfahren gerade die Bekannten und Familien von diesen als erstes von den Programmen und werden auch aktiv immer ermutig an diesen Teilzunehmen. Dazu kommt noch, wenn der Papi oder der Onkel Förderer sind, dann geht einiges leichter. Die Mädels, die dann in den Programmen landen, nehmen ihre Freundinnen mit, welche wohl auch aus demselben Garten stammen, denn der Apfel fällt ja nicht weit vom Stamm. Das heißt in den Stall kommen jetzt neben den Hengsten mit demselben Stallgeruch die Stuten mit demselben Stallgeruch. Ich verstehe das nicht als Vielfalt.

Ich finde es nur allzu natürlich, dass die Menschen so handeln. Ich setze mich für das Thema Vielfalt auch nur ein, damit meine Nichte und mein Neffe dieselben Chancen bekommen wie andere. Ich will daher Niemand einen Vorwurf für sein Handeln machen. Nur sollte man so ehrlich sein und dieses auch so darstellen. Es gibt Fortschritte, aber längst nicht die großen und vielfältigen wie sie immer verkauft werden. Chancen Gleichheit ist an der RWTH Aachen und an einigen anderen Stellen noch lange nicht gegeben.

Auf Diversity allgemein werde ich noch einmal extra in den nächsten Tagen eingehen.

Ich freue mich über Deine Meinung in den Kommentaren. Zum Schluss eine Klarstellung: Der Beitrag gibt meine persönliche Freizeitmeinung wieder. Ich spreche nicht für die RWTH Aachen University und auch nicht für das Lehr- und Forschungsgebiert Informatik 9 und ebenso nicht für die Gender und Diversity-Stipendiaten der RWTH Aachen University.

9 Gedanken zu “Gender and no Diversity

  1. Einerseits denke ich, dass es natürlich richtig ist, dass Kinder (nicht nur Mädchen) aus „Akademikerhaushalten“ viel eher an solchen Programmen teilnehmen. Wahrscheinlich einfach, weil so etwas Ihnen durch die Familie nicht so fremd ist. Man hat davon schon öfters gehört. Der Anspruch ein gutes Studium zu absolvieren war von zu Hause aus schon immer da. Das ist in meinen Augen allerdings in erster Linie ein Kommunikationsproblem und keins der eigentlichen Programme. Man sollte wohl einfach früher und öfter (schon in der Schule) mit solchen Programmen und Initiativen in Kontakt kommen um schon einmal Erfahrungen diesbezüglich zu sammeln.
    Andererseits finde ich die Beispiele eher unpassend. Alle zitierten Freundinnen hatten nichts am Programm selbst zu kritisieren, sondern „fühlten sich da nicht wohl“. Das sagt nichts über das angebotene Programm. Das sagt etwas über Sympathien den anderen Teilnehmerinnen gegenüber. Wenn man gefördert werden will, dann lebt man sich halt da ein. Irgendwelche soziologischen Sympathiezuteilungen von Programmen kann ja wohl auch niemand erwarten.
    Zuletzt noch etwas zu Förderungen aus der Wirtschaft: Dass diese Initiativen absolut gar kein Interesse an Diversity haben, sollte doch offensichtlich sein. Da wird die Führungskraft mit 18h-Tagen von morgen gesucht. Mit „nicht so gut im Studium“ ist man da nicht richtig. Da geht es nicht um den guten Zweck, sondern um knallharten Wettbewerb von Seiten der Studenten (Alleinstellungsmerkmal Stipendiat oder so. Sehr schön auch an Bonding zu beobachten. Eigentlich ist es doch merkwürdig, dass da Zweitsemester schon anfangen ihre Karriere zu planen und den Lebenslauf zu schönen. Die Suche nach dem Arbeitgeberliebling finde ich im Übrigen sowieso für die universitäre Bildung eher schädlich.) und um Personalpolitik seitens der Unternehmen.

  2. @Alex_AC sehr schöner Kommentar. In den meisten Punkten die Du erwähnt hast gebe ich Dir Recht.
    * „in erster Linie ein Kommunikationsproblem“ ja da bin ich voll bei Dir. Genau das stört mich, die falsche Kommunikation oder nur an eine bestimmte fokussierte Kommunikation und dieses über bestimmte fokussierte Kanäle.
    * „früher und öfter (schon in der Schule) mit solchen Programmen und Initiativen in Kontakt kommen“ völlig richtig. Mein Büro-Kollege Arbeitet z.B. an Schulen mit 6. und 7. Klässlerinnen an Aufbau und Förderung von MINT-Interesse
    * „“fühlten sich da nicht wohl““ das ist ein gewaltiges Problem! Das ist eine Diskriminierung, wenn man eine Atmosphäre aufbaut in dem sich jemand nicht wohl fühlt. und jetzt komme ich auch zu: * „Wenn man gefördert werden will, dann lebt man sich halt da ein.“ die Förderung von Frauen Zielt ja darauf ab, dass man so akzeptiert wird wie man (Frau) ist. Wir sagen den Frauen auch nicht, benimm Dich wie ein Kerl und dann klappt es mit der Karriere. Die Förderung von Vielfalt zielt darauf ab, dass man(Frau) sich nicht verstellen sollte um akzeptiert zu werden. Und grade wenn soziale und familiäre Gründe eine Rolle spielen und nicht die Qualifikation haben wir ein Problem. Das ist dann soziale Ausgrenzung die da passiert in einigen Förderprogrammen. Grade die Förderprogramme haben auf ihre Flagge das Gegenteil stehen.
    * „Die Suche nach dem Arbeitgeberliebling finde ich im Übrigen sowieso für die universitäre Bildung eher schädlich.) und um Personalpolitik seitens der Unternehmen.“ Kann ich Dir nur wieder Recht geben, ich sehe es genauso wie Du. Na darüber werde ich auch sicher noch bloggen🙂

  3. Unser Gespräch ging bei Twitter kurz weiter:
    Alex_Ac:
    @mosworld Du hast schon recht. Förderung sollte nicht ausgrenzend sein. Ich frage mich nur, ob das nur so empfunden oder aktiv ausgeübt wird

    Ich antwortete:
    @Alex_AC Ich denke durch eine andere Gestalltung und Form kann man es sicher verbessern.so wie bei Usability auch🙂 #Gender #Diversity

  4. Hallo Mo,
    ein Programm, das Personen an einer deutschen Hochschule fördert (ob Männer oder Frauen), bevorzugt statistisch gesehen – wie du richtig festgestellt hast – Personen aus einer bestimmten (akademischen) Schicht. Die Förderung müsste um gerecht zu sein, meiner Meinung nach, schon im Kindergarten oder sogar direkt nach der Geburt ansetzen, denn hier geht das meiste Potential, später mal studieren zu können oder gar eine Karriere zu machen, verloren.

    Ich bin seit meiner Geburt auf unterschiedlichste Weisen gefördert worden. Aber ich falle z.B. auch nicht aus dem Muster. Meine Eltern haben beide studiert … so wie viele meiner männlichen Vorfahren auch. Dadurch, dass ich immer ermutigt worden bin, und meine Eltern Vertrauen in meine Fähigkeiten hatten, war ich selbst auch davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige für mich ist.

    Als Frau im MINT-Bereich kommt jedoch ein gewisser Unsicherheitsfaktor hinzu, der das Selbstbewusstsein wiederrum etwas schwächt. Ich möchte noch erwähnen, dass das Gefühl, man müsse gefördert werden, bei vielen nicht immer positiv belegt ist. Und wie Familie und Beruf in ihrer jetzigen Struktur generell vereinbar sein sollen, weiß ich aus mangelnder Erfahrung auch nicht…🙂 Vielleicht müssen sich die Strukturen gewaltig verändern, damit die Ziele der Gender- und Diversity-Programme erreicht werden. In der Sex and Gender-Vorlesung letzten Dienstag kam die Frage auf, warum berufstätige Frauen beispielsweise nicht ihre neugeborenen Kinder zur Arbeit (z.B. in die Vorlesung) mitbringen können.

    Du hast Usability-Entwicklung erwähnt… Vielleicht muss die Art und Stuktur, wie wir zusammenleben und miteinander umgehen, nochmal partizipativ überarbeitet werden. Sogesehen ist diese Struktur ja hauptsächlich von Männern in höheren Bildungsschichten entworfen worden, die maximal eine einflussreiche Frau im Rücken hatten, oder?

  5. @annafant Statistik ist gut und schön, sagt aber nur etwas über Korrelation, aber nichts über Kausalität aus. Ich wäre vorsichtig, das Ganze darauf zu schieben, dass irgendwelche Männer die Programme wohl häufig entworfen haben.

  6. @annafant Danke für Dein Kommentar, grade weil Du Dich auf dem Feld auskennst.
    * Ich sehe die RWTH nicht mehr als eine „deutsche Hochschule“. Sie ist von ihr eigenem Selbstverständnis eine internationale Hochschule in Deutschland. Sie heißt ja auch RWTH Aachen University. Entsprechend sollte sich die RWTH auch wandeln. Die Universitäten in den Staaten haben den Punkt Diversity schon als Gewinn für sich verstanden.
    * Ich stimme auch Dir zu, dass Förderung und Gleichstellung schon im Kindesalter beginnen sollte. Dieses sollte aber nicht davon ablenken, dass aktuelle Probleme angegangen werden.
    * Ich bin mir da nicht sicher, ob die Förderprogramme immer von Männern entworfen wurden. Es auch ein Stück darum, wie die Frauen in den Gruppen andere Frauen aufnehmen. Und ein Punkt ist wie diese Programme moderiert und organisiert werden.
    Ein positiv Beispiel wird die SummerSchool werden. Die Anmeldung zur SummerSchool wird nicht nach dem Model First-In First-Place gemacht, dort werden alle Anmeldungen genommen und später ausgewählt. Das hat den Vorteil, dass z.B. Kinder von den Veranstaltenden und deren Bekannten die davon zuerst gehört haben nicht bevorzugt werden. In dem Prozess sind noch weiter anti-diskriminierungs-Maßnahmen implementiert worden um eine größere Vielfalt an Schüler und Schülerinnen zu erreichen.

  7. Hallo mo und alex,

    Kurz eine Richtigstellung: Ich meinte nicht, dass die Förderprogramme von Männern entworfen wurden (wie soll ich das wissen)… sondern, dass die Struktur wie wir zusammenleben und arbeiten eher von Männern entworfen sein könnte (Kennzeichnung als zu diskutierende Hypothese), da diese seit Jahrhunderten diejenigen sind, die das tun, was wir unter „studieren“, „arbeiten gehen“ und „Geld verdienen“ verstehen. Somit könnte es sein, dass die Welt des Studiums und Arbeitens besser auf ihre Lebensrealität abgestimmt ist. Ich bin hier etwas vom Thema Förderprogramme abgedriftet…🙂
    @Alex_AC: Ich schiebe nix auf wen. Ich frage euch… (zugegebenermaßen etwas provozierend, aber Mo stimmt mir bestimmt zu, wenn ich sage, dass das die Diskussion manchmal anregen kann)…
    @Mo: Ich bin etwas verwirrt, welche aktuellen Probleme meinst du jetzt genau, die angegangen werden sollten? Diversity in Förderprogrammen? Und welche Summer School meinst du?

  8. @Annafant
    * SummerSchool AKA Schüler-Universität der RWTH Aachen
    * aktuelles Problem ist z.B. das was ich in meinem Beitrag beschriben habe. Also eins was mir aufgefallen ist, ich frage nach, ob es wirklich eins ist.

  9. Das scheint leider typisch für Frauen zu sein („ich passe da nicht rein / fühle mich nicht wohl“). Ist für mich verwandt mit folgendem Problem:
    Bei den Geisteswissenschaften sind sehr viele Studentinnen zu finden. Trotzem ist ein Großteil der Professorenschaft immer noch männlich.. Mein Gefühl sagt, dass sich viele der Mädels nicht trauen, oder gar nicht erst solche Ziele stecken..

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