Neuronen Übung in Grundzüge der Software Entwicklung

Am letzten Dienstag (5. Mai 2009) habe ich unsere Übung zur Grundzüge der Software Entwicklung an der RWTH Aachen University etwas anders gestaltet, als diese üblich sind an unserer Universität. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich kein Lernen durch Lehren oder ein großartig neues didaktisches Prinzip angewendet habe. Ich habe nur versucht meinem Ziel jeden Studierenden jede Übung ein Stück besser zu machen gerecht zu werden .-) Bei der Vorbereitung habe ich mich an unsere Neuron Gedanken gehalten ( The class as brain / „neuron metapher“ ) und an den methodische Aspekte einer Neuronenvorlesung von Christian Spannagel.

Die Übung findet im Rahmen der Veranstaltung „Grundzüge der Software-Entwicklung“ (V1Ü2) statt. Die meisten Teilnehmende sind Studierende der Technik Kommunikation mit Schwerpunkt Informatik im zweiten Semester. An der Übung haben 30 Studierende teilgenommen, was knapp der Gesamtteilnehmerzahl an der Veranstaltung entspricht. Thema der Übung war die Erstellung eines Papierprototypen für ein Programm zum mobilen Blogging mit Photo Upload (MoBlogging-Tool). Die Studierende hatten zuhause in 3er Gruppen diese erstellt und mit gebracht. So nun beginnt die Übung:

Vorab kann ich sagen ich bin begeistert wie die 90 Minuten gelaufen sind. Das Verlauf der Übungsstunde hat meine Erwartungen übertroffen.

Die Übungsstunde war in vier Abschnitte eingeteilt:

  • Einführung
  • Marktplatz
  • Studierende reflektieren
  • Brainstorming als Vorbereitung der nächsten Aufgabe

Einführung

Als wir (mein skeptischer Kollege und ich) die Aula2 ( ein sehr großer Raum) betraten, hatte die Studierende sich im ganzen Raum verteilt. Von oben gesehen, sähe es aus wie zufällige gesprenkelt. Im ersten Schritt forderte ich die Studierenden auf einen Stuhlkreis ganz vorne zu bilden. Sie zögerten etwas, aber beim zweiten auffordern verstanden Sie, dass es wohl wirklich so gemeint ist. Nach kurzem Umräumen war es auch vollbracht und ich nehme an die Studierenden haben es etwas ungewohnt empfunden, aber haben sich wohlgefühlt. Zur Einführung habe ich ( wir saßen auch im Kreis) kurz etwas über Neuronen und dem Gehirn erzählt. Die wichtigsten Punkte waren: jeder ist ein Neuron; Kommunikation ist wichtig; jeder ist selbständig und selbstverantwortlich für sein Handeln. Wichtig war auch zu erwähnen, dass die Studierenden einfach alles sagen können, es gibt nichts falsches und es hat keine Auswirkung auf ihre Leistung was sie sagen oder nicht sagen.

Marktplatz

Beim Marktplatz ging es darum, dass die einzelnen Gruppen sich einen Tisch im Raum suchen, an dem sie ihren Prototypen vorstellen. Hierbei sollten die einzelnen Gruppen jeweils eine andere Gruppe besuchen. Für jeden Besuch war ca. 5 Minuten vorgesehen. So auch getan von den Studierenden, es gab zwei die am Kreis bleiben wollten, aber diese haben nach einer kurzen Aufforderung sich ein Tisch im Raum gesucht. Die Studierende unterhielten sich angeregt über Prototypen und führten diese vor. Hier bei bekamen sie immer Rückmeldung von der Besuchergruppe, was gut oder schlecht ist. In den Gesprächen wurden auch die Erfahrungen der einzelnen Gruppen ausgetaucht bezüglich ihren Prototypen oder des Erstellungprozesses (natürlich nicht so formal wie es sich jetzt hier liest). Mein skeptischer Kollege und ich liefen rum und haben hier und da nur zugehört.

Nach ca. drei Runden habe ich die Studierenden zusammen gerufen in den Kreis. An dieser Stelle gab es einen kleinen Input zu User-Testes. Es wäre besser, wenn die Studierenden Ihre Prototypen nicht vorstellen, sondern die anderen die Aufgabe ein Foto auf den Blog zu laden durch führen lassen mit dem Prototypen. Mit diesem Hinweis habe die Studierenden die nächsten Runden durchgeführt. Die User-Tests mit den anderen Gruppen liefen sehr gut und brachten den Studierenden viele Erkenntnisse auf die ich im Ergebnisabschnitt eingehen werde. Die Tests wurde nicht mit qualitativ hochwertiger Methodik durchgeführt, aber das Ziel ein Gefühl für die Nutzenden und ihren Mentalen Modellen zu bekommen ist zu 100% erreicht worden. So wurde den meisten Gruppen klar, dass sie z.B. nicht genügend Zustände modelliert hatten oder die Nutzenden andere Optionen und Pfade entlang gehen, als sie sich gedacht haben. Diese Erfahrung kann man sich nicht erlesen oder erzählt bekommen.

Studierenden Reflektion

Nach dem Marktplatz kamen die Studierende zurück in den Kreis. Nun sollten zwei Studierende nach vorne an die Tafel gehen um das folgende Gespräch zu moderieren und um Stichpunkte an die Tafel zu notieren. Zwei Freiwillige fanden sich schnell. Die Gruppe hatte die folgenden Leitfragen als Reflektionsgrundlage:

  • Was ist Euch aufgefallen als Ihr Eure Prototypen erstellt habt?
  • Welche Schwierigkeiten hattet ihr bei der Erstellung der Prototypen?
  • Was ist Euch generell an den Prototypen die Ihr gesehen habt aufgefallen?

Nach kurzer Stille motivierten die beiden Moderatoren ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen zum mitmachen. Das Ergebnis der der Reflektion die ca. 30 Minuten dauerte lässt sich sehen. Die wichtigsten Aspekte des Prototypings und die häufig auftretenden Schwierigkeiten wurden erkannt. Während der Reflektionsphase haben der Skeptiker und ich außerhalb im Raum gesessen. Ich habe nur einmal erklärt, dass im Kreis immer Ruhe herrschen muss, und dass das Tafelbild abfotografiert wird und die Studierende keine Notizen sich machen müssen. Fast alle Studierende haben sich an der Diskussion beteiligt, einige mehr einige weniger. Ein kleines Problem war, dass es noch Schwierigkeiten gab, die Redebeiträge als Stichpunkt an die Tafel zuschreiben. Die wichtigsten Punkte wurden, aber immer festgehalten und genügend in der Runde besprochen. Es lief so gut, dass zum Schluss der Reflektionsrunde die Studierende an dem Punkt angekommen war, an dem die nächste Aufgabe für die darauf folgende Woche ansetzt (Anforderungsanalyse).

Brainstorming als Vorbereitung der nächsten Aufgabe

In den letzen ca. 15 Minuten sollte die nächste Aufgabe besprochen werden. D.h. es sind zwei andere Freiwillige Studierende (dieses Mal hat es etwas gedauert bis zwei sich gefunden hatten) nach vorne gegangen um das Brainstorming auf zu schreiben. Das Brainstorming lief etwas schleppend voran, da die Aufgabe (natürlich sprachliche Anforderungsanalyse) etwas unklar war. Nach kurzem nachdenken, sind die Studierende darauf gekommen, dass genau dieses das Problem ist und sie Wege finden müssen um mehr Informationen zu bekommen. Im Ergebnis lief das Brainstorming als Vorbereitung der nächsten Aufgabe sehr gut.

Insgesamt haben die Studierende alle Lernziele erreicht und haben diese selbständig, selbstverantwortlich und praktisch gelernt und erfahren. Hier zu gehörten z.B.:

  • mehr Funktionalität vs. Einfachheit der Bedienung
  • „Design“ kann sehr unterschiedlich verstanden werden von verschiedenen Akteuren in einem Projekt
  • es gibt verschiedene Level eines Prototypen
  • man kann/ sollte sein Prototypen wegwerfen
  • Benutzende denken anders als die Entwickler selbst
  • Benutzende und Auftraggeber müssen im Entwicklungsprozess eingebunden sein/werden
  • Die Anforderungsanalyse ist sehr wichtig J
  • usw.

Natürlich ist die Form nicht optimal für alle Studierende. Es gab Studierende die nicht im 2. Semester sind, die eine Unterschriftenliste haben wollten um ihre Anwesenheit zu bestätigen. Waren überrascht, dass es keine Pflicht ist anwesend zu sein. Mir ist es egal ob jemand kommt oder nicht, die Studierende müssen verstehen, dass sie selbst verantwortlich sind für ihr Handeln. Wir können nur versuchen ein gutes Angebot für sie auf die Beine zustellen, dass die Studierenden mit Spaß zu unseren Veranstaltungen kommen und viel Lernen bei uns.

8 Gedanken zu “Neuronen Übung in Grundzüge der Software Entwicklung

  1. Ich finds total schön, dass es so gut bei dir geklappt hat . Und dass du ein paar methodische Anregungen von JPM und mir ausprobiert hast. Das zeigt mir, dass es auch in anderen Kontexten funktioniert und gibt mir etwas Rückenwind für den LdL-Tag.

    Im übrigen: Das Zentrale ist wirklich, dass Studenten moderieren und man selbst am Rand des Geschehens ist, so wie du es beschrieben hast…

    Ich bin auf deine weiteren Berichte gespannt!

  2. @cspannagel Mit der Zurückhaltung war es wirklich nicht einfach. Einfach mal im Hintergrund rum laufen und die Studierenden selbst machen lassen ist eine Übung für sich. Ich wollte die ganze Zeit kommentieren, tipps geben und die „Lösung“ verraten. Zwei Minuten später war alles was ich sagen wollte schon gesagt. Ich denke diese Durchführung gibt den Studierenden mehr Selbstvertrauen oder ihre Selbstwirksamkeitserwartung steigert sich bezüglich ihrer Mitarbeit in Softwareprojekten.

    Viel Spaß bei dem LdL-Tag wäre echt gerne da.

  3. Genau dieselbe Erfahrung hab ich auch gemacht: Einfach erst mal die Klappe halten. Es wird schon funktionieren. Und wenn nicht, kann man sich immer noch einschalten.

  4. @mosworld
    Gratuliere! Eine Frage: inwiefern war die Neuronen-Symbolik wichtig. Hast du das Gefühl, dass dadurch Mehrwert entstanden ist? Haben sich die Studenten anders verhalten, als wenn du dieses Modell nicht skizziert hättest?

  5. @jeanpol Also auf einer ganz einfachen Ebene war die Neuronen Symbolik sehr gut. Die Studierende dachten sicher, „hmm, er ist etwas crazy“ und naja dieses kommt dem Punkt, „sich selbst nicht zu wichtig nehmen“ entgegen. Ich denke, da durch sind die Studierende selber auch etwas lockerer und trauen sich mehr und frei zu sprechen.
    Auf zweiter Ebene, haben Sie eventuell verstanden, dass Vernetzung und Kommunikation zum Erfolg beiträgt. Wenn jeder und jede ein Neuron im selben Gerhirn sind, ist Zusammenarbeit sehr wichtig. Sei es beim „Lernen“ oder im „Softwareprojekt“.

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